Systemischer Newsletter der GIS-Akademie

Unser Thema im August

Wenn Entwicklung zur Erschöpfung wird

Wenn Entwicklung zur Erschöpfung wird

Vielleicht müssen wir nicht mehr werden – sondern erinnern, wer wir wirklich sind.

Manchmal entsteht das Gefühl, kaum noch irgendwo einfach stehen bleiben zu dürfen.

Im Beruf sollen wir mit jeder neuen Entwicklung Schritt halten. Neue Software, KI-Anwendungen, veränderte Prozesse, neue Rollen, weniger Kolleg*innen, mehr Verantwortung. Gleichzeitig wird erwartet, dass wir flexibel bleiben, Veränderungen mittragen und uns kontinuierlich weiterqualifizieren.

Auch privat hören die Anforderungen nicht auf. Wir möchten gesünder leben, uns mehr bewegen, besser schlafen, achtsamer sein, unsere Kinder möglichst bedürfnisorientiert begleiten, alte Familienmuster durchbrechen und dabei genügend Zeit für Partnerschaft, Freundschaften und Erholung finden.

Dazu kommen die täglichen Botschaften, die uns überall begegnen: Arbeite an dir. Nutze dein Potenzial. Verlass deine Komfortzone. Sei resilient. Sei produktiv. Bleib neugierig. Erfinde dich neu.

Vieles davon ist sinnvoll. Vieles davon kann bereichern.

Und trotzdem berichten immer mehr Menschen von einem Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Nicht, weil sie Veränderungen grundsätzlich ablehnen. Sondern weil kaum eine Veränderung abgeschlossen ist, bevor die nächste beginnt.

Für dieses Erleben gibt es inzwischen einen etablierten Begriff: Veränderungsmüdigkeit.

Gemeint ist nicht die Angst vor Neuem. Sondern die Erschöpfung, die entstehen kann, wenn Veränderung zum Dauerzustand wird.
Und irgendwann stellt sich eine unbequeme Frage:

Wann hilft Entwicklung eigentlich noch – und wann beginnt sie, uns zu erschöpfen?

Gerade weil sich unsere Welt so schnell verändert, wird diese Frage immer wichtiger. Im systemischen Denken sprechen wir in diesem Zusammenhang von Ressourcenorientierung. Gemeint ist die Fähigkeit, den Blick nicht ausschließlich auf Defizite, Probleme oder vermeintliche Schwächen zu richten, sondern auch auf das, was bereits da ist.

Vielleicht brauchen wir heute deshalb weniger die Frage:

„Was muss ich noch verändern?"

Und häufiger die Frage:

„Was ist in mir längst vorhanden und möchte gesehen werden?"

 

Der persische Mystiker Rumi schrieb:

„Du wanderst von Raum zu Raum auf der Suche nach dem Diamanten, der bereits um deinen Hals hängt."


Vielleicht erinnert uns dieser Satz an etwas Wesentliches.

Wir müssen nicht ständig jemand anderes werden oder fortwährend an uns arbeiten. Entwicklung beginnt manchmal dort, wo wir innehalten und dem Teil in uns wieder mehr vertrauen, der nie reparaturbedürftig war.

Was uns Teilnehmende mitgeben

Was uns Teilnehmende aus unseren systemischen Weiterbildungen schon nach wenigen Wochen berichten, ähnelt sich erstaunlich oft. Sie erzählen von mehr Gelassenheit, einem stärkeren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und dem Gefühl, den eigenen Erfahrungen mehr Bedeutung geben zu können.

Viele entdecken Ressourcen, die ihnen vorher gar nicht bewusst waren. Sie lernen neue Methoden und Modelle kennen, gleichzeitig verändert sich ihr Blick auf das, was sie bereits mitbringen.

In unseren systemischen Weiterbildungen an der GIS-Akademie geht es deshalb nicht nur um fachliche Kompetenzentwicklung. Es geht auch um eine Haltung, die Menschen nicht auf ihre Probleme reduziert, sondern ihre Möglichkeiten, Erfahrungen und Stärken in den Mittelpunkt stellt.

Echte Veränderung entsteht häufig aus einem neuen Blick auf das, was bereits in uns vorhanden ist.

Systemischer Impuls

Systemischer Impuls

Wir sprechen oft über Abschlüsse, Zertifikate und Qualifikationen.
Viel seltener über das, was uns das Leben beigebracht hat.


• Geduld
• Mut
• Zuhören
• Grenzen setzen
• Verantwortung übernehmen
• Mit Unsicherheit umgehen
• Nach Rückschlägen wieder aufstehen
• Für andere da sein
Welche Fähigkeit hast du in den letzten fünf Jahren entwickelt, ohne dass sie jemals in einem Zeugnis oder deinem Lebenslauf stand?

Autor & fachlicher Ansprechpartner

Markus Bundschuh
ist Dipl. Organisationspsychologe und Psychotherapeut (HeilprG).

Er leitet den Fachbereich Systemische Beratung, Coaching und Pädagogik der GIS-Akademie in Hamburg und ist Weiterbildungsleiter sowie Dozent der Weiterbildung Systemische Beratung mit gestaltorientierter und interkultureller Kompetenz.

Seit über 15 Jahren begleitet er Menschen in Beratungs-, Therapie-, Lern- und Entwicklungsprozessen. Seine Schwerpunkte liegen in der systemischen Beratung, Gestalttherapie, Persönlichkeitsentwicklung sowie der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.